Berge von Arbeit: Tour de Ruhr

"Fahren wir mal ins Ruhrgebiet" / Von Bernd Prause und Anne Hahnenstein

07.06.2026

Wir machten uns auf, um die Metropolregion Ruhrgebiet mit dem Rad zu erkunden. Revier hautnah, das war nicht zu viel versprochen. Teils war es eine Spurensuche an früheren Wirkungsstätten, für die meisten war es eine Kontaktaufnahme zu einer Region, die nie auf der persönlichen Bucket List stand. So viel vorweg: Keiner hat es bereut, sich auf diese Unternehmung eingelassen zu haben.

Zum Warm-Up in Hattingen regnete es. Ein Stopp bei Uli´s Kiosk an der Hüttenstraße ist ein Ort authentischer Begegnung. Eine bunte Tüte, bitte… Kiosk, Bude oder Trinkhalle, sie gehören zum immateriellen Kulturerbe des Ruhrgebietes. Aber dann ging es auf der Glück Auf - Trasse nach Wuppertal. Der Kohlenbahn-Radweg führt von Hattingen ins Bergische Land. Viadukte und Tunnels machen seit 1884 den Weg frei für ein quasi steigungsfreies Band durch das Gebirge. Natürlich ging es über die Wupper, Sightseeing per Schwebebahn.

Anderentags stiegen wir in die Spur der Route Industriekultur. Wir begannen an der Henrichshütte in Hattingen. Die Roheisenerzeugung wurde hier 1987 eingestellt. Wenig später wurde der Standort abgewickelt.  Der Hochofengigant manifestiert das Auf und Ab der Schwerindustrie im Revier. Der schwarze Riese ist heute ein prominenter Ankerpunkt der Tour de Ruhr. 

Die Tagesetappe führte an der Ruhr nach Essen, Natur pur. Es ging durch naturnahe Auen, teils durch eine parkähnliche Landschaft zum Baldeneysee und weiter zur Villa Hügel. Die Villa war Wohnhaus der Industriellenfamilie Krupp. Mancher war baff. Das Anwesen übertrifft royale Dimensionen. Kaiser Wilhelm II war hier Stammgast, es folgten Nazi-Größen und später kamen Staatsgäste aus aller Welt.

Der Transfer in den einst berüchtigten Essener Norden überraschte positiv. Beim Radeln entlang der ewig langen verkehrsberuhigten Rüttenscheiderstraße, der Rü, waren wir mittendrin, in dem was heutige Lebensqualität im Pott ausmacht: hip, kultig, urban.

Im Verkehrsdschungel um den Hauptbahnhof ist der ortsfremde Radler schnell überfordert. Also Augen auf im Straßenverkehr, Orientierung halten und Achtsamkeit, damit die Ampeltaktung niemanden ausbremst, der dann auf der Strecke bleibt.

Am Spätnachmittag waren wir auf Zollverein. Die vielleicht schönste Zeche der Welt gehört heute zum UNESCO-Welterbe. Sie war in ihrer Blüte nicht nur wegen der Förderleistung die größte Zeche weltweit. Auf Zollverein gilt nur der Superlativ. Die gigantische Kokerei nebenan war einst die größte ihrer Art. Die übertägige Anlage ist als Industriemuseum zugänglich. Eine der vielen themenspezifischen Führung sei jedem Besucher empfohlen. Sie geben authentische Einblicke in die Arbeitswelt der Kumpel. Das Staunen war maßlos.

Das Revier ist seit jeher ein Multikulti-Pott. Abends aßen wir in einem türkischen Kebab-Haus und waren dabei mitten in einer muslimischen Subkultur, die von der zweiten und dritten Generation ehemaliger Arbeitsmigranten geprägt ist. Die Speisekarte bietet Vielfalt, aber keinen Alkohol. Stattdessen wird Tee gratis serviert. Dafür gab es danach ein Bier im typischen Ruhrpott Kiosk vis á vis. Und wir lernen, in der Metropolregion ziehen Moritz Fiege, Stauder oder König Pils klare Grenzen.

Die Königsetappe war das Haldenhopping am Mittwoch. Berge von Arbeit - als Berge bezeichnet der Bergmann den Abraum, also das taube Gestein, das als Nebenprodukt der Kohleförderung anfällt und zu Halden, oft um die 100 m hoch, angehäuft wurde.

Bei Dauergrau und stiegen wir in den Sattel. Der erste Gipfel war Halde Rheinelbe in Gelsenkirchen-Ückendorf. Ihr Top krönen aufgestapelte Betonklötze, die aus dem Abbruch der dortigen Zeche stammen. Die Halde ist bei Downhill-Bikern sehr beliebt. Im Laufe der Zeit entstanden zahllose Trails, die zum Runterdonnern einladen.

Nächster Halt: Jahrhunderthalle in Bochum Stahlhausen - sie war seinerzeit Gebläsemaschinenhalle der Hochöfen des Bochumer Vereins, einem einstigen Montankonzern des Reviers und ist heute eine d e r Event-Locations in NRW. 

Ehemalige Bahntrassen wurden zu supertollen Radschnellbahnen umgebaut. Elegante Radbrücken überspannen Kanale, Autobahnen und Schienenstränge. Am Rhein-Herne-Kanal zurück nach Westen machten wir Kilometer. Unterwegs nahmen wir die Halde Rungenberg mit. Hier führen 400 Stufen zum Top, wo sich zwei dicke, verrostete Stahlröhren gegenüberstehen, die wie überdimensionale Fernrohre Richtung Himmel gerichtet sind. Schalkes Veltins Arena grüßt von nebenan.

Zwischen Kanal und Emscher kamen wir zum Nordsternpark in Gelsenkirchen-Horst, die Zeche gehörte letztlich zum Verbundbergwerk Nordstern-Zollverein und machte uns die Dimension der Streckenlängen klar, die untertage aufgefahren worden waren. By-the-way »erfuhren« wir die unglaubliche Wandelleistung, die mit dem Rückbau der Schwerindustrie in den letzten Jahrzehnten einherging.

Zum Finale standen wir auf der Halde Bottrop. Hier thront ein begehbares Stahlgerüst in Tetraederform. Eine Konstruktion mit Lochblechstufen führt zur 50 m hohen Aussichtsloge. Der Aufstieg ließ die Herzen der DAV’ler höherschlagen. Gegenüber an der Nachbarhalde schmiegt sich die weltweit längste Indoor-Skipiste an den Hang und nennt sich AlpinCenter.

Zu guter Letzt gaben wir uns die »Manta-Platte« frisch aus der Pommesschmiede. Sie ist im Revier Kult. Am Ende des Tages wurde eine Airbnb Wohnung in Duisburg Meiderich für zwei Nächte unser Basislager.

Am nächsten Tag bot sich uns Franky, ein lieber Bekannter, als Local-Guide an. Er nahm sich die Zeit, um uns seine Heimat auf einer Radrunde zu zeigen. Die Stadt steht als sozialer Brennpunkt in Verruf, aber Franky zeigte es uns. Duisburg kann mit Charme beeindrucken. Im Kopf hakte sich fest: An der Schnittstelle zwischen Revier und Niederrhein lässt es sich leben.

Rund um das stillgelegte Thyssen-Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich entstand der Landschaftspark Duisburg Nord. Der LAPDU zählt heute international zu den Top Ten unter den Stadtparks. Lost Places, Industriegeschichte, Natur, Kultur, Kunst und Sport verschmelzen im Revier zu einer Erlebniswelt. Gleich nebenan stehen noch 2 der einst 5 Hochöfen, einer davon ist sogar frei zugänglich. Also galt: Aufstieg für alle, und zwar bis nach ganz oben auf das Gichtgerüst in 70 m Höhe.

In Duisburg-Ruhrort hieß es: Vorhang auf! Auf dem Deich öffnet sich ein umwerfender Blick über den Strom. Der rege Schiffsverkehr beeindruckt. Wir saßen an der Einfahrt des größten Binnenhafens der Welt im Biergarten und gönnten uns Pommes rot-weiß mit rohen Zwiebeln.

Ein Abstecher zur linksrheinischen Seite ließ uns eintauchen in das Flair des ländlichen Niederrheins. Franky lotste uns zum landauf landab besten Eiswagen. Retour ging es über die Radspur der A2- Rheinbrücke, wo uns der Feierabendverkehr umtost. In Frankys Stammkneipe gabs es weit mehr Schnitzelvarianten als Mitglieder unserer Tour, dazu KöPi vom Fass. 

AV, wir können auch anders …