Wir machten uns auf, um die Metropolregion Ruhrgebiet mit dem Rad zu erkunden. Revier hautnah, das war nicht zu viel versprochen. Teils war es eine Spurensuche an früheren Wirkungsstätten, für die meisten war es eine Kontaktaufnahme zu einer Region, die nie auf der persönlichen Bucket List stand. So viel vorweg: Keiner hat es bereut, sich auf diese Unternehmung eingelassen zu haben.
Zum Warm-Up in Hattingen regnete es. Ein Stopp bei Uli´s Kiosk an der Hüttenstraße ist ein Ort authentischer Begegnung. Eine bunte Tüte, bitte… Kiosk, Bude oder Trinkhalle, sie gehören zum immateriellen Kulturerbe des Ruhrgebietes. Aber dann ging es auf der Glück Auf - Trasse nach Wuppertal. Der Kohlenbahn-Radweg führt von Hattingen ins Bergische Land. Viadukte und Tunnels machen seit 1884 den Weg frei für ein quasi steigungsfreies Band durch das Gebirge. Natürlich ging es über die Wupper, Sightseeing per Schwebebahn.
Anderentags stiegen wir in die Spur der Route Industriekultur. Wir begannen an der Henrichshütte in Hattingen. Die Roheisenerzeugung wurde hier 1987 eingestellt. Wenig später wurde der Standort abgewickelt. Der Hochofengigant manifestiert das Auf und Ab der Schwerindustrie im Revier. Der schwarze Riese ist heute ein prominenter Ankerpunkt der Tour de Ruhr.
Die Tagesetappe führte an der Ruhr nach Essen, Natur pur. Es ging durch naturnahe Auen, teils durch eine parkähnliche Landschaft zum Baldeneysee und weiter zur Villa Hügel. Die Villa war Wohnhaus der Industriellenfamilie Krupp. Mancher war baff. Das Anwesen übertrifft royale Dimensionen. Kaiser Wilhelm II war hier Stammgast, es folgten Nazi-Größen und später kamen Staatsgäste aus aller Welt.
Der Transfer in den einst berüchtigten Essener Norden überraschte positiv. Beim Radeln entlang der ewig langen verkehrsberuhigten Rüttenscheiderstraße, der Rü, waren wir mittendrin, in dem was heutige Lebensqualität im Pott ausmacht: hip, kultig, urban.
Im Verkehrsdschungel um den Hauptbahnhof ist der ortsfremde Radler schnell überfordert. Also Augen auf im Straßenverkehr, Orientierung halten und Achtsamkeit, damit die Ampeltaktung niemanden ausbremst, der dann auf der Strecke bleibt.
Am Spätnachmittag waren wir auf Zollverein. Die vielleicht schönste Zeche der Welt gehört heute zum UNESCO-Welterbe. Sie war in ihrer Blüte nicht nur wegen der Förderleistung die größte Zeche weltweit. Auf Zollverein gilt nur der Superlativ. Die gigantische Kokerei nebenan war einst die größte ihrer Art. Die übertägige Anlage ist als Industriemuseum zugänglich. Eine der vielen themenspezifischen Führung sei jedem Besucher empfohlen. Sie geben authentische Einblicke in die Arbeitswelt der Kumpel. Das Staunen war maßlos.
Das Revier ist seit jeher ein Multikulti-Pott. Abends aßen wir in einem türkischen Kebab-Haus und waren dabei mitten in einer muslimischen Subkultur, die von der zweiten und dritten Generation ehemaliger Arbeitsmigranten geprägt ist. Die Speisekarte bietet Vielfalt, aber keinen Alkohol. Stattdessen wird Tee gratis serviert. Dafür gab es danach ein Bier im typischen Ruhrpott Kiosk vis á vis. Und wir lernen, in der Metropolregion ziehen Moritz Fiege, Stauder oder König Pils klare Grenzen.